Prof. Dr. Hans Küng
"Wer hätte 1899 auf dem Höhepunkt des Fortschrittglaubens
(Lenin ein Verbannter in Sibirien, Stalin ein Theologiestudent in Tiflis,
Mussolini ist 16 und Hitler 10 Jahre alt!) erraten können, was ihn im
20. Jahrhundert erwarten würde? Nur eines erhoffen wir 1999 alle: Das
21. Jahrhundert möge besser werden als das 20. mit seinen gigantischen
Fortschritten und seinen gigantischen Kriegen und Verbrechen, Archipel Gulag
und Holocaust. Das 21. Jahrhundert wird aber nur besser, wenn die neue Weltordnung
ohne Fundamentalismus, aber auch ohne Beliebigkeitspluralismus aufbaut auf
einem Grundkonsens über gemeinsame Werte, Maßstäbe und Haltungen.
Einem Grundkonsens, der Rechte und Pflichten, autonome Selbstverwirklichung
und solidarische Verantwortung verbindet und doch vielleicht wieder neu auch
religiös verwurzelt ist. Jedenfalls eine neue, ethisch fundierte Weltordnung.
Dies alles ist keine verstiegene Illusion. Dies alles ist eine durchaus realistische
Vision. Sie sei zum Schluß zusammengefaßt in vier Sätzen:
Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.
Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.
Kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Maßstäbe.
Kein Überleben unseres Globus ohne ein globales Ethos, ein Weltethos."
(aus dem - uns überlassenen - Skript einer Vorlesung vom 14.12.1999 an der Universität Tübingen)