Schulpflicht bedeutet Befreiung. Auf den ersten Blick klingt das paradox. Doch seit der Staat erkannt hat, dass die Bildung der Jugend mehr einbringt, als Kinderarbeit in den Fabriken, hat er die Gesellschaft verpflichtet, die junge Generation einige Jahre für den Schulbesuch freizustellen. Allerdings: Der junge Mensch lebt nicht von Schule allein: Darum galt es bislang als Errungenschaft, Kindern ihre Kindheit zu bewahren und den Jugendlichen genügend Freizeit für ihre eigenen Interessen zu lassen. Aus gutem Grund: Das wirkliche Leben steht nicht in den Büchern, man muss es selbst erfahren.
Mit diesen Erkenntnissen räumt die aktuelle Bildungsdiskussion gründlich auf: Kinder gehören früher in die Schule, fordert die Wirtschaft. Ab vier Jahren – so sieht es auch die FDP, vielleicht mit fünf, meint die CSU. Früher anfangen zu lernen, früher aufhören, so lautet die Forderung. Damit die jungen Menschen möglichst schnell ins Berufsleben treten, sollen die Schuljahre weniger werden. Stattdessen soll es mehr Nachmittagsunterricht geben. Wer das Pensum nicht bewältigt, für den gibt es zusätzliche Förderstunden – und das alles ganz nebenbei. Die bayerische Wirtschaft fordert gar, die Ferien auf einen kurzen „Urlaub von der Schule“ zu beschränken.
In der Praxis heißt das, dass junge Menschen kaum mehr zu Hause sein werden. Auch ihre Freizeit wird von der Schule organisiert. Für viele Eltern eine tolle Idee: Endlich sind die Kinder verwahrt. Vormittags Unterricht, nachmittags Betreuung, Mittagessen inklusive. Warum nicht gleich in der Schule übernachten? Mit der de-facto-Ausdehnung der Schulpflicht bedient die Politik ein Anspruchsdenken, das heute anachronistisch anmutet. Während allerorten von Selbstbeteiligung und Eigenverantwortung die Rede ist, wird mit der Diskussion um die Ganztagsschule eine Vollkasko-Mentalität gefördert, die weder bezahlbar noch förderungswürdig ist.
Nordkorea lässt grüßen
In einer freiheitlichen Gesellschaft beschränkt sich die Aufgabe des Staates auf die Formulierung von Bildungszielen und deren Vermittlung. Dass die Forderung, Kinder sollten schon früh und länger als bisher in staatliche Hände übergeben werden, von den klassischen Anwälten des Nachtwächterstaats kommt, lässt nichts Gutes vermuten. Nur in totalitären Systemen ist der Staat für die Erziehung, Verwahrung und Freizeitmobilisierung der Jugend zuständig.
Beunruhigend an der Diskussion um die Ganztagsschule ist, mit welcher Unbefangenheit dabei mit einem der wichtigsten Rechte junger Menschen verfahren wird: Dem Recht auf individuelle Gestaltung der freien Zeit. Es handelt sich dabei um ein so hohes Gut, dass seine „Verwertung“ zu anderen Zwecken schlicht tabu bleiben muss. Bei Erwachsenen verbieten Grund- und Menschenrechte derlei Eingriffe des Staates – bei jungen Menschen scheint es anderes zu sein:
Die
Eltern haben keine Zeit zur Erziehung? Dafür gibt es staatliche
Verwahrung.
Schüler nerven mit dem Wunsch nach Markenkleidung? Warum nicht
alle in
eine
Schuluniform stecken. Unsere Kinder sind zu dick, und schon kommt die
staatliche Lösung: Vollwertkost in der Pause und Schulsport am
Nachmittag.
Familiäre Defizite werden kompensiert, indem die Selbstbestimmung
der
jungen
Menschen rücksichtslos beschnitten wird.